Das Gehiemnis Teil 1

„Warte doch auf mich. Ich kann nicht so schnell laufen, wie du.“
Ich höre meinen Bruder, aber ehrlich gesagt ist es mir egal. Ich will nach Hause, ich will nie wieder in die Schule.
Das war so eine Blamage.
Die letzte Kurve auf dem Weg und schon sehe ich unser Haus.
Kein Auto vor der Tür, was für ein Glück.
Schon schlimm genug, das Pascal alles mitbekommen hat und es sicherlich unseren Eltern erzählen wird.
Hastig suche ich vor der Haustür meinen Schlüssel. Alles fällt mir auf die Straße. Kann der Tag noch schlimmer werden?
Während ich alles wieder aufhebe, holt mein Bruder mich ein. "Mensch Sandra, was soll denn das? Ich kann da auch nichts für. Wenn Mama, erfährt das du mich einfach stehen gelassen hast, kriegst du richtig Ärger. Aber wenn du mir nachher deinen Nachtisch überlässt, schweige ich wie ein Grab." Ich drehe mich zu ihm um, er schaut mich grinsend an. " Das ist so typisch für dich. Aus der Not der anderen das Beste für sich selbst rausschlagen. Du kriegst meinen Nachtisch, aber nur unter einer weiteren Bedingung!" Pascal schaut mich argwöhnisch an. "Du erzählst niemanden und ich meine wirklich niemanden etwas von dem was du gerade mitbekommen hast" "Du meinst das mit..." "Schhhh" fahre ich ihn an. "Dann will ich den Nachtisch von morgen auch haben."
Mittlerweile habe ich den Schlüssel gefunden und die Haustür aufgeschlossen. "Du solltest mal auf den ganzen Süßkram verzichten, dann wärst du gerade auch schneller gewesen. Aber meinetwegen. Du bekommst heute und morgen meinen Nachtisch und dafür schweigst du, abgemacht?" "Abgemacht ich schweige."
"Worüber schweigst du?", die Stimme meiner Mutter lässt mich zusammenfahren. Ich drehe mich um.
"Was machst du denn hier?" Ich spiele nervös mit meinen Fingern. "Dein Auto steht doch gar nicht vor der Tür?!"
"Hast du mir heute Morgen mal wieder nicht zugehört? Mein Auto hat doch heute euer Onkel." "Ach, ja stimmt. Ganz vergessen."
Meine Nervosität steigt, ich hoffe mein Bruder schweigt. "Also worüber soll Pascal schweigen?" Bevor Pascal was sagen kann, übernehme ich es. "Ach Mama sei nicht so neugierig oder willst du wirklich schon dein Geburtstagsgeschenk wissen?" Ich schaue sie an und setze ein Engelsgesicht auf. "Mein Geburtstag ist doch erst in zwei Wochen. Sonst kümmert ihr euch auch nie so früh da drum." "Irgendwann ändern, auch deine Kinder sich." Mit den Worten gehe ich an meiner Mutter vorbei, ziehe aber an Pascals Rucksack. "Komm die Hausaufgaben warten."
Oben in meinem Zimmer lasse ich mich auf mein Bett fallen und schließe die Augen.
Das ging nochmal gut. Nicht auszudenken, wenn Mama das erfahren würde. Musste Pascal das unbedingt mitbekommen? Ich hoffe er schweigt!
Es klopft.
Ich reiße die Augen auf und richte mich auf "Ja?" Die Tür geht auf und der Kopf meiner kleinen Schwester erscheint. Sie strahlt mich an. Ihre Augen glitzern und für einen Moment vergesse ich was mir heute auf dem Schulhof passiert ist.
Sarah ist erst zwei Jahre alt und das Nesthäkchen unserer Familie. Wobei das auch kein Wunder ist. Zwischen ihr und meinem Bruder Pascal liegen 10 Jahre. Und zwischen ihr und mir sogar 13 Jahre. Meine Mutter wollte eigentlich nach Pascal kein Kind mehr, aber als sie schwanger wurde wollte sie auch nicht abtreiben. Zum Glück, denn sonst würde uns unser Sonnenschein sehr fehlen.
"Sandra spielst du mit mir?" "Sarah ich muss erst noch Hausaufgaben machen. Wenn du möchtest kannst du aber hier bleiben, während ich sie mache." Kaum habe ich es ausgesprochen, öffnet sie die Tür ganz und kommt mit ihrem Puppenwagen rein. Mich stört es nicht, da sie sich immer schön leise verhält, als wenn sie genau wüsste wie wichtig es ist Ruhe bei den Hausaufgaben zu haben.
Nachdem ich mit den Hausaufgaben fertig bin, schaue ich nach Sarah. Sie sitzt mit ihrer Puppe auf meinem Bett und versucht sich als Frisörin. Ich nutze die Gelegenheit und schreibe meiner besten Freundin. Allerdings schreibt sie nicht zurück sondern ruft mich an.
"Hi, warum schreibst du nicht einfach?" "Weil ich nur schnell fragen wollte ob wir uns treffen können?" "Sarah ist hier und sie will mit mir spielen" Schweigen. "Und wenn du sie mitbringst und wir auf den Spielplatz gehen?" "Warte kurz ich frag sie"
"Sarah, sollen wir mit Yvi auf den Spielplatz gehen?" Ohne lange zu überlegen hüpft sie vom Bett runter und singt: "Ich geh mit den großen Mädchen auf den Spielplatz, ich geh mit den großen Mädchen auf den Spielplatz."
"Du hörst es oder?" Yvi lacht. "Es hätte mich auch gewundert, wenn sie nein gesagt hätte. In einer halben Stunde dann am Spielplatz?" "Ok bis gleich." "Bis gleich" und die Mädchen legen auf. Sarah scheint wohl schon auf dem Weg nach unten zu sein um sich anzuziehen. Ich packe noch schnell meine Handtasche und gehe hinterher.
"Mama hat Sarah dir schon Bescheid gesagt?" "Klar, war ja nicht zu überhören. Ist das wirklich in Ordnung für dich das sie mitkommt? Ich, in deinem Alter hätte das nicht toll gefunden." "Sicher. Sie ist ja unkompliziert." "Wenn doch dann sag es ruhig, sie kann auch hier bleiben. Du nimmst sie schließlich fast immer mit." "Mama es ist wirklich in Ordnung." "Ok dann wünsche ich euch viel Spaß." "Danke bis später."
Sarah steht schon angezogen an der Haustür und wartet auf mich.
Als wir uns auf den Weg machen, denke ich wieder an die Situation vom Schulhof und daran das Pascal es weiß. Schnell schreibe ich ihm eine SMS.“Wenn du Mama irgendwas sagst, kannst du meinen Nachtisch vergessen!“
Yvi sitzt schon auf einer Bank, als wir ankommen. Als Sarah sie entdeckt ist sie nicht mehr zu halten und stürmt auf sie zu. Meine beste Freundin mag meine kleine Schwester sehr, wahrscheinlich weil sie sich selber ein Geschwisterchen wünscht. Jedoch wollen ihre Eltern nichts davon wissen, sie meinen das ein Kind reicht.
Ich umarme Yvi „Hallo da sind wir.“ „Hey!“, begrüßt mich meine beste Freundin.
Sarah stürmt direkt zur Rutsche. Ich kann ihr vertrauen, somit setzen wir uns auf die Bank. „Yvi, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie peinlich das vorhin war. Woher hatten sie nur diese Foto? Warum muss ausgerechnet mir so etwas passieren?“
Ich schaue meine beste Freundin fragend an.
„Ganz ehrlich, warum regst du dich so darüber auf. Eigentlich müsste es dich doch freuen oder nicht? Ich fand das Foto süß.“ „Ähm, geht’s noch? Was war daran denn bitte süß?“ „Ach komm tu nicht so. Du weißt genau was ich meine. Ich würde mich an deiner Stelle freuen.“
Yvi träumt mal wieder vor sich hin, diesen Blick kenne ich nur zu gut.
„Dann kann ich es ja morgen arrangieren, das es dir auch passiert...“ Entsetzt schaut mich Yvi an „Vergiss es, so war das jetzt nicht gemeint.“ „Ich dachte es war so süß?“ „Ja schon, aber auf dich bezogen. Besser könnte es doch jetzt nicht für dich laufen, aber selber möchte ich es auch nicht haben.“ Ich schüttele den Kopf. „Spinnst du? Ich hab dir schon mehrmals gesagt das das nie raus kommen darf. Wie steh ich denn sonst als Klassenliebling da?“
Mein Blick wandert über den Spielplatz, Sarah ist noch immer an der Rutsche. Andere Kinder sind nicht da und dann sehe ich plötzlich etwas, was mich beunruhigt.
Blitzschnell drehe ich mich zu Yvi um, „Du hast doch nicht etwa...?“
Meine beste Freundin senkt den Kopf und flüstert „Doch hab ich und ich rate dir mit ihm zu reden.“ , sie steht auf „Ich bin bei Sarah.“
Ich will noch erwidern, doch da höre ich ihn schon.
„Darf ich mich setzen?“ Zischend antworte ich, „Bleibt mir doch nicht erspart oder?“
Schon jetzt will ich wieder nach Hause, was hat sich Yvi nur dabei gedacht?
„Ich weiß das du wahrscheinlich sauer auf mich bist. Wobei ich nicht verstehen kann warum, denn ich kann da genauso wenig was für!“ „Sauer ist noch dezent ausgedrückt. Es war mega peinlich, die ganze Schule wird morgen darüber reden.“ „Das ist mir klar, aber was hätte ich ändern können?“ Mario schaut mich ratlos an.
Eine gute Frage.
„Keine Ahnung, war dir das nicht peinlich?“ „Doch klar war es mir auch peinlich, dran ändern können wir aber dennoch nichts.“
Was würde ich alles, für eine andere Reaktion tun...
Ich durfte mir aber nichts anmerken lassen, „Na du kommst ja locker damit klar.“
„Mensch Sandra, so war das jetzt auch nicht gemeint. Ich würde morgen auch lieber zu Hause bleiben und schwänzen, aber dann haben die anderen ihr Ziel erreicht! Willst du das?“
Wenn du wüsstest...
Ich muss mich konzentrieren. „Nein eigentlich nicht“ „Siehst du und deswegen bin ich hier. Die einzige Chance sich zu wehren, wäre wenn wir uns zusammen tun.“
Überrascht über seine Worte schaue ich ihn direkt an.
„Ich soll mich mit dir zusammen tun? Das macht es ja dann noch schlimmer!“ „Gut, dann sind wir uns einmal nicht einig, dann kann ich ja jetzt gehen.“ „Nein, warte.“ Erleichterung macht sich in seinem Gesicht bemerkbar. „Was schlägst du denn vor?“ „Warum geben wir ihnen nicht einfach das was sie haben wollen?“
„Bist du verrückt?“, sprudelt es aus mir heraus, gleichzeitig spüre ich ein Kribbeln.
Er grinst mich an.
Wow, was für ein Lächeln...
„Wenn es darum geht deinen Ruf wieder herzustellen, sicherlich.“
„Ach und wie stellst du dir das vor? Wenn wir ihnen das geben, was sie wollen bestätigen wir ihre Version ja nur und dann werden wir sicherlich nicht meinen Ruf wieder herstellen können!“
Kurzes Zögern auf seiner Seite. „Ja doch. Du verbreitest morgen einfach das Gerücht, das ich dich bei der letzten Nachhilfestunde dazu genötigt habe. Also das ich dir nur Mathe beibringe, wenn du meine Freundin bist und weil dir deine Mathenote so wichtig war bist du darauf eingegangen. Allerdings war abgemacht das das niemand erfährt und das erklärt dann deine heutige Reaktion. Du warst so überrascht und perplex das du deswegen weggelaufen bist weil dir das so peinlich war.“
Man muss ja sagen, einfallsreich bist du ja...
„Hmmm das müsste klappen, aber dir ist schon klar, das du dann noch schlechter dar stehst, als jetzt oder?“ Traurigkeit war nun zu sehen. „Jepp ich weiß, aber wir kennen uns nun so lange. Du hast dich immer für mich eingesetzt und jetzt bin ich an der Reihe.“
Konnte ich das wirklich von ihm verlangen? War das unsere einzige Chance? Aber wenn ich an Yvis Worte denke, war das Bild ja schon süß, auch wenn es nur eine gefakte Aufnahme war. Und weggelaufen bin ich ja nicht, weil es mir peinlich war, sondern weil niemand erfahren sollte, das ich ausgerechnet den Streber aus unserer Klasse besser fand als jeden anderen Jungen.
Ich schaue Mario direkt an.
War ich ihm vielleicht wichtiger, als er versucht mir klar zu machen? Hatte er vielleicht auch Gefühle und könnten wir ein Paar werden? Waren wir gemeinsam stark genug?
Mario wartet noch immer auf eine Reaktion von mir.
Plötzlich höre ich Yvi und Sarah lachen und ich schaue zu den beiden rüber. Yvis Blick trifft meinen und ich weiß genau, was sie mir sagen will.
„Mario, ich muss dir was sagen. Aber lauf bitte nicht weg, so wie ich es getan habe. Denn ich bin vorhin nicht weggelaufen, weil es mir peinlich war, sondern weil niemand meine Reaktion sehen sollte. Ich habe mich nicht geschämt für das Bild. Ganz im Gegenteil, ich fand es sogar sehr süß. Ich habe mich immer für dich eingesetzt weil du mir sehr wichtig bist, und das nicht nur weil wir seit Kindertagen befreundet sind, sondern weil ich dich mehr mag, mehr als nur einen beliebigen Freund. Doch in meiner Situation habe ich mich nicht getraut es außer Yvi irgendwem zu sagen. Weil es mir immer wichtig war, die beliebteste zu sein, doch wenn mir eins heute klar geworden ist dann das ich endlich ehrlich zu mir selbst sein muss. Deswegen sage ich es dir, Mario ich habe mich in dich verliebt. Ich werde morgen in der Schule allen sagen wie wichtig du mir bist und das ich alles andere nicht mehr haben will und drauf verzichten kann.“
Kaum habe ich mit meiner Beichte geendet, bekomme ich Angst.
Was wird er jetzt sagen?
„Sandra ich bin überrascht, aber wenn ich ehrlich bin, ging es mir nie anders und ich hätte alles dafür gegeben dich glücklich zu sehen, deswegen hätte ich es auch riskiert mich als völligen Idioten hinstellen zu lassen.“ „Das habe ich bemerkt und das will ich nicht, das einzige was ich möchte, ist deine Freundin zu sein und das soll die ganze Welt erfahren.“
Mario umarmt mich und in dem Moment weiß ich das ich alles richtig gemacht habe.
„Ich wusste, ich wusste es. Seid ihr nun endlich zusammen?“ Yvi kommt angelaufen, ich merke wie ich rot anlaufe, ich strahle sie an und nicke.


14.11.13 22:27

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